Cannabis und Alkohol – zwei Substanzen, die seit Jahrhunderten konsumiert werden, aber völlig unterschiedlich auf Körper und Psyche wirken. Wir vergleichen Wirkungsweise, Nebenwirkungen und Risiken beider Substanzen und geben dir eine sachliche Orientierung für deine eigene Einschätzung.
Wie wirken Cannabis und Alkohol im Körper?
Die beiden Substanzen setzen an völlig unterschiedlichen Stellen im Körper an. Während Cannabis mit einem körpereigenen System interagiert, greift Alkohol direkt in die Signalübertragung im Gehirn ein. Diese grundlegenden Unterschiede prägen alles, was danach passiert.
Die Wirkung von Cannabis
Cannabis wirkt über das Endocannabinoid-System – ein Netzwerk aus Rezeptoren, das natürlicherweise in unserem Körper existiert. Die Hauptwirkstoffe THC und CBD docken an diese Rezeptoren an, vor allem im Gehirn und Nervensystem. THC aktiviert dabei die CB1-Rezeptoren und löst die typischen psychoaktiven Effekte aus: veränderte Zeitwahrnehmung, intensivere Sinneseindrücke, manchmal Euphorie oder Entspannung. Die Wirkung setzt beim Inhalieren nach wenigen Minuten ein, bei oraler Aufnahme erst nach 30 bis 90 Minuten. Sie hält je nach Konsumform zwischen zwei und acht Stunden an.
Die Wirkung von Alkohol
Alkohol ist ein Zellgift, das über die Magenschleimhaut ins Blut gelangt und die Blut-Hirn-Schranke problemlos überwindet. Im Gehirn hemmt er die Aktivität von Nervenzellen und dämpft das zentrale Nervensystem. Zunächst fallen Hemmungen weg, die Stimmung hebt sich. Mit steigender Dosis folgen Koordinationsstörungen, verlangsamte Reaktionen und eingeschränkte Urteilsfähigkeit. Die Wirkung beginnt nach etwa 15 bis 30 Minuten und erreicht ihren Höhepunkt nach 30 bis 90 Minuten. Der Körper baut Alkohol mit konstanter Geschwindigkeit ab – etwa 0,1 bis 0,15 Promille pro Stunde.
Unterschiede in der Wirkungsweise
Der zentrale Unterschied liegt in der Art der Beeinflussung. Cannabis moduliert ein bestehendes System, Alkohol unterdrückt Funktionen. Cannabis verändert die Wahrnehmung, ohne die motorischen Fähigkeiten so stark zu beeinträchtigen wie Alkohol. Alkohol dämpft das gesamte Nervensystem und wirkt auf nahezu alle Organe. Die Dosis-Wirkungs-Kurve verläuft bei Cannabis flacher – eine Überdosierung mit lebensbedrohlichen Folgen ist praktisch ausgeschlossen. Bei Alkohol steigt das Risiko mit jeder weiteren Einheit linear an, bis hin zur tödlichen Alkoholvergiftung.
Akute Nebenwirkungen im Vergleich
Beide Substanzen können unangenehme Begleiterscheinungen auslösen. Die Art und Intensität unterscheiden sich jedoch deutlich – und auch die möglichen Gefahren im Rauschzustand.
Kurzfristige Effekte von Cannabis
Typische Begleiterscheinungen sind trockener Mund, gerötete Augen und gesteigerter Appetit. Manche Menschen erleben Schwindel, Herzrasen oder ein Gefühl der Desorientierung. Bei hohen Dosen oder unerfahrenen Konsumenten können Angstgefühle oder paranoide Gedanken auftreten. Die Reaktionszeit verlangsamt sich, das Kurzzeitgedächtnis arbeitet weniger präzise. Körperlich bleibt Cannabis jedoch vergleichsweise sanft – Übelkeit oder Erbrechen sind selten, ein "Kater" am nächsten Tag meist mild oder gar nicht vorhanden.
Kurzfristige Effekte von Alkohol
Alkohol zeigt sich deutlich aggressiver. Schon bei moderaten Mengen treten Koordinationsstörungen, verwaschene Sprache und eingeschränkte Urteilsfähigkeit auf. Mit steigender Dosis folgen Übelkeit, Erbrechen, Gedächtnislücken und im Extremfall Bewusstlosigkeit. Der Körper reagiert mit Dehydration, was den typischen Kater verursacht: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit. Alkohol reizt Magen und Darm, belastet die Leber und kann zu gefährlichen Situationen führen – von Stürzen über Unfälle bis zur Alkoholvergiftung, die intensivmedizinische Behandlung erfordert.
Risiken im Rausch
Beide Substanzen beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit und erhöhen das Unfallrisiko. Alkohol senkt zusätzlich die Hemmschwelle für riskantes Verhalten und aggressive Reaktionen. Gewalt im Rausch ist bei Alkohol ein dokumentiertes Problem, bei Cannabis statistisch kaum relevant. Die Gefahr einer akuten Überdosierung mit Todesfolge besteht praktisch nur bei Alkohol. Cannabis kann in seltenen Fällen psychotische Episoden auslösen, vor allem bei Menschen mit entsprechender Veranlagung. Mischkonsum verstärkt die Risiken beider Substanzen erheblich.
Langfristige Gesundheitsrisiken
Bei regelmäßigem Konsum zeigen sich die Unterschiede noch deutlicher. Beide Substanzen können Schaden anrichten – aber in unterschiedlichem Ausmaß und an verschiedenen Stellen im Körper.
Chronischer Cannabiskonsum
Regelmäßiges Rauchen belastet die Atemwege und kann zu chronischer Bronchitis führen. Die psychischen Risiken betreffen vor allem junge Menschen: Bei Jugendlichen kann häufiger Konsum die Hirnentwicklung beeinträchtigen und das Risiko für Angststörungen oder Depressionen erhöhen. Bei Menschen mit genetischer Veranlagung kann Cannabis psychotische Erkrankungen auslösen oder verschlimmern. Das Abhängigkeitspotenzial liegt bei etwa 9 Prozent der Konsumenten, bei täglichem Konsum deutlich höher. Körperliche Schäden an Organen wie Leber, Herz oder Bauchspeicheldrüse sind im Vergleich zu Alkohol minimal.
Chronischer Alkoholkonsum
Alkohol schädigt nahezu jedes Organsystem. Die Leber verfettet, entzündet sich und kann zur Zirrhose werden. Das Herz-Kreislauf-System leidet unter Bluthochdruck und erhöhtem Schlaganfallrisiko. Die Bauchspeicheldrüse kann sich entzünden, der Magen-Darm-Trakt wird geschädigt. Alkohol erhöht das Risiko für verschiedene Krebsarten, darunter Mund, Rachen, Speiseröhre, Leber und Brust. Das Gehirn schrumpft bei langjährigem Missbrauch messbar, kognitive Fähigkeiten nehmen ab. Die WHO stuft Alkohol als krebserregend ein – bereits geringe Mengen erhöhen das Risiko.
Abhängigkeitspotenzial
Alkohol erzeugt sowohl psychische als auch körperliche Abhängigkeit. Bei etwa 15 Prozent der regelmäßigen Konsumenten entwickelt sich eine Alkoholabhängigkeit. Der Entzug kann lebensbedrohlich sein und erfordert oft medizinische Begleitung. Cannabis macht vor allem psychisch abhängig – der Entzug verläuft unangenehm, aber nicht gefährlich. Symptome wie Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Appetitlosigkeit klingen nach wenigen Wochen ab. Die gesellschaftliche Verharmlosung von Alkohol steht in deutlichem Kontrast zu seinem tatsächlichen Suchtpotenzial.
Gesellschaftliche Einordnung und Umgang
Die rechtliche und soziale Bewertung beider Substanzen folgt nicht immer der wissenschaftlichen Evidenz. Historische und kulturelle Faktoren prägen die Wahrnehmung oft stärker als gesundheitliche Fakten.
Rechtliche Situation
In Deutschland ist Alkohol ab 16 Jahren legal erhältlich, Spirituosen ab 18. Cannabis wurde 2024 teilweise legalisiert: Erwachsene dürfen bis zu 25 Gramm besitzen und für den Eigenbedarf anbauen. Der Verkauf bleibt außerhalb von Cannabis-Clubs verboten. Diese unterschiedliche Behandlung spiegelt weniger die Gefährlichkeit als vielmehr historische Entwicklungen wider. Wissenschaftliche Studien ordnen Alkohol durchweg als die gefährlichere Substanz ein – sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft.
Soziale Akzeptanz
Alkohol ist tief in unserer Kultur verankert. Feiern, Geschäftsessen, Feierabend – Alkohol gehört für viele selbstverständlich dazu. Cannabis trägt trotz Legalisierung noch immer ein Stigma, wird mit Kontrollverlust oder Faulheit assoziiert. Diese Wahrnehmung verschiebt sich langsam, vor allem bei jüngeren Generationen. Die gesundheitlichen Folgen von Alkohol werden gesellschaftlich oft ausgeblendet oder verharmlost. Mehr als 70.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen von Alkoholkonsum – bei Cannabis sind direkte Todesfälle nicht dokumentiert.
Verantwortungsvoller Konsum
Beide Substanzen erfordern einen bewussten Umgang. Bei Alkohol bedeutet das: Grenzen kennen, alkoholfreie Tage einlegen, nie im Straßenverkehr oder bei der Arbeit konsumieren. Bei Cannabis gilt: Nicht in der Jugend beginnen, nicht täglich konsumieren, auf Set und Setting achten. Wer zu psychischen Erkrankungen neigt, sollte vorsichtig sein. Mischkonsum vermeiden. Und grundsätzlich: Keine Substanz ist harmlos. Wir plädieren für Transparenz, Aufklärung und die Freiheit, informierte Entscheidungen zu treffen – ohne Verharmlosung, aber auch ohne Panikmache.